FAZ: Kanye West in Oberhausen

November 20, 2008

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20. November 2008 Die jüngste Schreckensnachricht lautet: Die Menschheit hat ihre gesamte Kreativität verloren. Doch kein Geringerer als Hip-Hop-Superstar Kanye West hat die Krise in ihren ganzen Ausmaßen erkannt und eilt zur Hilfe herbei. Allerdings hält sich der Rapper und Produzent aus New York derzeit einige tausend Lichtjahre von der Erde entfernt auf: In einem Raumschiff durchstreift er die unendlichen Weiten des Alls. Auf halbem Weg zurück muss West mit seinem angeschlagenen Bordcomputer Jane auf einem fremden Planeten notlanden – und Abenteuer bestehen.

Das ist das Szenario für Kanye Wests Liveprogramm „Glow In The Dark“, mit dem der vielfache Grammy-Gewinner jetzt in der Arena in Oberhausen gastierte. Mag die Erzählung sich auch nahtlos in die Tradition des Afrofuturismus einfügen, jenes modernen Mythologiestrangs in der schwarzen Musikgeschichte: Wests Inszenierung ist in dieser Form beispiellos. Vielleicht um diese Einzigartigkeit zu bewahren und das Überraschungsmoment noch zu steigern, hat der Musiker ein striktes Fotografieverbot über die Auftritte verhängt. Selbst im Internet ließen sich vorab keine Videos oder Bilder von vorausgegangenen Stationen finden.

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Hip-Hop-Konzert in Oberhausen

Kanye West, wir haben ein Problem

Von Sven Beckstette

Kanye West
Hip-Hop-Superstar: Kanye West

20. November 2008 Die jüngste Schreckensnachricht lautet: Die Menschheit hat ihre gesamte Kreativität verloren. Doch kein Geringerer als Hip-Hop-Superstar Kanye West hat die Krise in ihren ganzen Ausmaßen erkannt und eilt zur Hilfe herbei. Allerdings hält sich der Rapper und Produzent aus New York derzeit einige tausend Lichtjahre von der Erde entfernt auf: In einem Raumschiff durchstreift er die unendlichen Weiten des Alls. Auf halbem Weg zurück muss West mit seinem angeschlagenen Bordcomputer Jane auf einem fremden Planeten notlanden – und Abenteuer bestehen.

Das ist das Szenario für Kanye Wests Liveprogramm „Glow In The Dark“, mit dem der vielfache Grammy-Gewinner jetzt in der Arena in Oberhausen gastierte. Mag die Erzählung sich auch nahtlos in die Tradition des Afrofuturismus einfügen, jenes modernen Mythologiestrangs in der schwarzen Musikgeschichte: Wests Inszenierung ist in dieser Form beispiellos. Vielleicht um diese Einzigartigkeit zu bewahren und das Überraschungsmoment noch zu steigern, hat der Musiker ein striktes Fotografieverbot über die Auftritte verhängt. Selbst im Internet ließen sich vorab keine Videos oder Bilder von vorausgegangenen Stationen finden.

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Einfallsreichtum und Selbstdarstellung

Nicht nur auf seinen Studioaufnahmen hat Kanye West ständig die Grenzen des Mainstream-Hip-Hop erweitert: Auch bei seiner letzten Tournee vor zwei Jahren definierte er das Rap-Konzert völlig neu. Anstatt DJ oder Band standen ihm ein Streichensemble samt Harfenistin sowie DJ-Weltmeister A-Trak zur Seite. In Sachen Einfallsreichtum und Selbstdarstellung gelingt es ihm sogar, dieses Niveau noch zu übertreffen. Nachdem der Vorhang gefallen ist, eröffnet sich auf der Bühne eine begehbare Planetenlandschaft, in deren Zentrum ein Metallquadrat den gestrandeten Sternenkreuzer repräsentiert. Eine monumentale Videoleinwand schließt den Raum nach hinten ab und liefert mit ihren Filmsequenzen zugleich die verschiedenen Hintergrundbilder. Eine weitere Projektionsfläche, die von oben herabgehängt werden kann, fungiert als Cockpit.

Nur Kanye West selbst bewegt sich in diesem Setting. Einzig von einem erhöhten Standpunkt aus lässt sich erkennen, dass fast ein Dutzend Sänger und Instrumentalisten in einem Orchestergraben vor der Bühne versteckt sind. Nur bei bestimmten Passagen werden sie auf Plattformen emporgehievt. Als Mitglieder von Wests Raumfahrtcrew tragen die Musiker dunkle Visiere, die ihre Gesichtszüge verbergen. Auch ihre Identität wird nicht preisgegeben, denn West hält es während des neunzigminütigen Auftritts nicht für nötig, sie wie sonst üblich vorzustellen oder mit ihnen in Kontakt zu treten. Sie bleiben rein ausführende Werkzeuge.

Immer im Mittelpunkt

Der Ablauf lässt dem Publikum keine Zeit zum Durchatmen. Von Anfang an folgt ohne Pause Lied auf Lied, passiert ununterbrochen irgendetwas Unerwartetes auf der Bühne. Wenn der rappende Astronaut nicht gerade von einem Monster angegriffen wird, hat er mit Meteoritenschwärmen zu kämpfen. Oder er trifft freundliche Außerirdische, die ihn an seine eigentliche Mission erinnern. Trotz dieser Überfülle an optischen und akustischen Sensationen steht Kanye West immer im Mittelpunkt des Geschehens. Er füllt die nicht gerade kleine Aktionsfläche mit seiner Person vollständig aus. Diese Leistung kann nicht hoch genug bewertet werden, denn West ist beileibe kein geübter Tänzer. Einen Choreographen hat er augenscheinlich nicht engagiert. Was ihm jedoch an Geschmeidigkeit und Akrobatik fehlt, macht er durch Einsatz, Ausdauer und Dynamik wett. An manchen Stellen übt sich West erstmals außerdem als Sänger. Auch wenn Stimmkraft und Intonationsfähigkeit nicht gerade seine Stärken sind, befremdet das keineswegs. Es wirkt vielmehr so glaubwürdig, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

Mit der aktuellen Single „Love Lockdown“ beschließt West seine Vorstellung. Das Stück bleibt an diesem Abend die einzige Nummer von seinem vierten Album „808’s & Heartbreak“, das am Freitag erscheint. Auf seiner neuen Platte entfernt sich der Einunddreißigjährige weiter als je zuvor von seinen Wurzeln im Hip-Hop. Passagen mit Sprechgesang sucht man in den zwölf Stücken jedenfalls nahezu vergebens, und auch die Gastbeiträge von befreundeten Rappern halten sich in Grenzen. Dafür singt West jetzt fast ausschließlich, wobei er seine Stimme meist mit dem Effektprogramm Auto-Tune manipuliert hat.

„Glow In The Dark“-Tour

Dieser Eingriff mag zwar an die beschleunigten und dadurch gleichfalls verfremdeten Soul-Gesänge erinnern, die zu Beginn von Wests Karriere zu seinem Markenzeichen wurden. Hier sorgt das Fehlen von eindeutigen Melodiebögen jedoch dafür, dass der Vortrag auf die Dauer ziemlich an den Nerven zerrt. Getragene Streicher, monotone Choräle und breitflächige Synthesizerschichten mindern das nicht eben, so dass sich der Abend meist ziemlich zäh und richtungslos dahinschleppt. Selbst polyrhythmische Perkussionsfeuerwerke zünden in diesem konstruiert wirkenden Umfeld nicht.

Kanye Wests „Glow In The Dark“-Tour ist sicherlich eine der aufwendigsten und ausgefallensten Popshows seit langem. Sie zeigt, wie ihr Dramaturg schon jetzt neue Maßstäbe gesetzt hat: West entwickelt sich mehr und mehr zu einem eigenen Planeten im Kosmos des Musikgeschäfts. Mit seiner Fähigkeit, bestehende Muster zu durchbrechen und in großen Bahnen zu denken, führt er den Hip-Hop auf Umlaufbahnen, die an die Tugenden des Stadion-Rocks zu seinen Hochzeiten Mitte der Achtziger heranreichen. Allerdings muss West aufpassen, dass er nicht irgendwann ausschließlich um sich selbst kreist. Diese Gefahr ist bei der aktuellen Bühnenshow schon spürbar. Wesentlich deutlicher überschattet sie seine neue Platte.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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